Rape Fiction oder romantischer Missbrauch

Liebe Verlage: Aus Macht folgt Verantwortung

Auf Twitter gab es gestern eine sehr konstruktive literarische Diskussion zum Thema „Rape Fiction“. Das sind „Liebes“romane, die ein höchst problematisches Frauen- und Beziehungsbild vermitteln und erzwungenen Sex zu roher Romantik verklären. Diese Bücher schwimmen im Fahrwasser von „50 Shades of Grey“ und scheinen sich auch ihren Weg in die Jugendliteratur zu bahnen. „Twilight“ zeigt zumindest Ansätze davon.

Vorab: Ich lese normalerweise kein Romance, aber ich habe mir damals 50SoG angetan, weil ich den Hype verstehen wollte. (Ich verstehe ihn bis heute nicht.) „Trinity“, „Paper Princess“ und co. werde ich nicht lesen. Die Auszüge haben gereicht. Was bei mir hängen blieb ist:

  1. Einem obsessiven Mann hörig zu sein ist die höchste Kunst romantischer Beziehungen.
  2. Ein eigener Wille ist überbewertet. Hauptsache, man hat einen Mann. Natürlich mit Millionenvermögen.
  3. Zum Sex gezwungen zu werden, ist geil. Die Frau will es ja eigentlich auch. Weil der Kerl ein Gott ist. Und muskulös. Oder zumindest Millionär.
  4. Ein Mann darf schon mal gewalttätig und besitzergreifend sein, wenn er eine schlimme Vergangenheit hatte. Eigentlich ist er ja ein ganz Lieber. Und Millionär!
  5. Männer sind triebgesteuert, aber Frauen erst! Da stupst der Millionär (Geld macht sexy. Und Muskeln. Und mächtige Erektionen) die Gute kurz mit dem Finger an die Nase und sie kommt fast augenblicklich!

Einen sehr guten Beitrag zum problematischen Frauenbild in diesen Romanen hat zum Beispiel Nina C. Hasse geschrieben.

Ich möchte mehr auf die Verantwortung der Verlage eingehen.

Verlage sind Gatekeeper – Torwächter. Sie selektieren Manuskripte,  entscheiden, was veröffentlicht wird und haben die Mittel, ihre Publikationen einem Massenpublikum zur Verfügung zu stellen. Große Verlage können Hypes bestmöglich ausnutzen, selbst Trends setzen und gezielt bestimmte Werke in die Bestsellerlisten bringen. Durch kostspieliges, professionelles Marketing, zu dem auch bewusst provozierte Skandale zählen.

Verlage stehen für Qualität. Zumindest in der Vorstellung der meisten Leser. Sie vertrauen darauf, dass professionelle Lektoren die besten Geschichten unter allen eingesandten Manuskripten auswählen. Dass bei der Selektion auch das Verkaufspotenzial eine wichtige Rolle spielt, ist legitim, denn Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Problematisch wird es, wenn der Profit zum einzig entscheidenden Auswahlkriterium wird.

Verlage haben Macht, und daraus folgt bekanntlich große Verantwortung. Für Journalisten, die ebenfalls Gatekeeper sind, gilt der Pressekodex. Presseverlage und Medienhäuser werden ständig für (echte und vermeintliche) Verstöße gegen publizistische Standards kritisiert – Stichwort: Fake News. Bei Verlagen für Unterhaltungsliteratur ist die Ausgangslage anders. Sie veröffentlichen keine Nachrichten, sondern Kunst. Kunst muss weder gut recherchiert sein, noch auf Fakten basieren und schon gar nicht objektiv sein. Kunst darf und soll werten. Sie soll auch kontroverse und sensible Themen behandeln. Und sie darf provozieren. Aber nur, weil sie sich dadurch gut verkauft?

Autoren und Verleger machen Meinung. Sie formen Weltbilder. Oft ganz subtil, zwischen den Zeilen. Die meisten Leser setzen sich nicht kritisch mit einem Werk auseinander. Sie wollen einfach nur unterhalten werden. Unterbewusst nehmen sie jedoch Botschaften beim Lesen auf. Gerade junge LeserInnen, die auf bestimmten Gebieten unerfahren sind und ihr Weltbild noch aufbauen, können sich leicht beeinflussen lassen. Verstärkt wird das noch, wenn mehrere Romane mit ähnlichem Inhalt gelesen werden. Plötzlich erscheint die Kontrollsucht des Love Interest normal. Männer sind halt so.

Deshalb ist es wichtig, wie ein Buch mit einem sensiblen Thema umgeht. Zum Beispiel erzwungener Sex: Wird er nur erwähnt oder detailliert beschrieben? Wird er aus Opfer- oder Tätersicht erzählt? Wird er als brutaler Übergriff dargestellt oder romantisch verklärt? Wird er im Laufe der Geschichte kritisch aufgearbeitet, nicht mehr erwähnt oder als Beginn einer wunderbaren Liebschaft präsentiert? Schon die Wahl einzelner Wörter macht hier einen großen Unterschied.

Schon beim Kauf eines Werkes sollte klar sein, was den Leser erwartet. Aussagekräftiger Klappentext, kein rosa Blümchencover, wenn es um Vergewaltigung geht, vielleicht ein FSK-Hinweis oder die im Netz so oft geforderte Triggerwarnung. Hinweise für Leserinnen, die das – aus welchen Gründen auch immer – nicht lesen möchten. Einfach mal im Hinterkopf behalten, dass viele Mädchen und Frauen schon Opfer sexueller und häuslicher Gewalt wurden. Ich wünsche mir hier zumindest verantwortungsvolles Marketing.

In Jugendbüchern haben romantisch verklärte sexuelle Gewalt und Kontrollsucht auf keinen Fall was verloren. Nie, mit keiner Begründung! Schon gar nicht aus Profitstreben!

Liebe Verlage, ich weiß, dass ihr Geld verdienen müsst. Aber das könnt ihr auch mit anderen Geschichten. Ich bin sicher, euch mangelt es nicht an hochwertigen Manuskripten. Ihr habt die Macht, selbst Trends zu setzen. Ihr müsst nicht auf jeden Hype aufspringen. Wie wäre es, wenn ihr mal Bücher über starke Frauen zum Trend erklärt? Die dürfen gerne Sex haben, aber selbstbestimmt und die dürfen sich verlieben, aber ohne einem Mann hörig zu sein. Schafft meinetwegen ein eigenes Genre! Tut euch mit anderen Verlagen zusammen! Spannt Buchblogger und klassische Medien ein! Schreibt nicht nur Geschichten, sondern Geschichte. Rape Fiction habt ihr nicht nötig.

Mehr Beiträge zum Thema:

Nina C. Hasse: Meine Probleme mit Pseudo-Liebesromanen

Bordsteinprosa: Gibt es eine Verantwortung in der Buchbranche? 

The Blue Siren: Problematisches Verhalten in Büchern

4 Comments

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Susannereply
28. April 2017 at 15:18

Sorry, aber da gehe ich nicht mit. Wo fängt das an, wo endet das? Bei Zensur? Bei Bücherverbrennung? Wessen Interessen soll die Buchbranche zuerst beachten? Welche müssen sich weiter hinten anstellen? Welches Weltbild ist so wichtig, dass es vor allen anderen durch die Buchbranche geformt werden muss? Nicht umsonst ist in unserem freien Staatswesen die Kunst frei. Verlage sind zuallererst Wirtschaftsunternehmen, selbst die, die einen bestimmten Anspruch haben. Wären sie das nicht, wären sie bald keine Verlage mehr, sondern pleite.
Ist es nicht so, dass jeder Markt das Bedürfnis bedient, das da ist? Ich kann Yellow Press und Bunte Blätter auch wegen ihres Weltbildes ablehnen. Aber offenbar werden sie genug gekauft, dass die Verlage jede Woche neue auf den Markt werfen. Ich muss Bücher, die mir nicht gefallen, nicht kaufen. Wenn sie aber anderen gefallen, wer bin ich dann, ihnen diese Lektüre zu verweigern?

Susannereply
28. April 2017 at 16:18
– In reply to: Susanne

Ich haben Artikel komplett gelesen. Stimmt, es geht nicht um Zensur, sondern um Selbstzensur. Und für die gilt dasselbe wie für Zensur. Du forderst die Verlage auf, „andere“ Geschichte als die von Dir kritisierten zu publizieren. Diese Forderung beziehst Du aus Deiner Sicht nachvollziehbar auf sexuellen Missbrauch. Der nächste kommt mit einem anderen, ebenfalls wichtigen Thema und fordert dafür Selbstzensur und Problembewusstsein ein. Genau da sehe ich das Problem. Mit solchen Forderungen wird jede Art von Publikation zum Eiertanz.
Was den Pressekodex angeht: Dort steht nichts von Triggerwarnungen und dem Formen von Weltbildern. Zwar wird der Verzicht auf „eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“ eingefordert, das heißt aber nicht, dass Gewalt, Brutalität und Leid kein Thema sein dürfen oder auf Berichte darüber zu verzichten sei.

Paper Princess, ein Exempel; oder: Es hat begonnen. | Bücher verschlingenreply
28. April 2017 at 19:11

[…] Liebe Verlage: Aus Macht folgt Verantwortung von Fantastronautin. […]

[Let’s Talk]: Die zwei Körper der Buchblogger – Ein Buch Kommt Selten Alleinreply
1. Mai 2017 at 10:45

[…] Über die Verantwortung der Verlage: Fantastronautin Esther Wagner http://fantastronautin.de/liebe-verlage-aus-macht-folgt-verantwortung/ […]

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